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auf leben und tod z ufrieden lehnten sich die par- lamentarier nach der abstim- mung zurück. als sie ende mai 2012 die novelle des transplantationsgesetzes den bundestag passieren ließen, dachten die meisten von ihnen, sie hätten nun erst einmal genug für die organspende getan. 2012 sollte das jahr all jener kranken werden, die so dringend auf ein spenderor- gan warteten. mehrere fraktionschefs hat- ten sich dafür im vorfeld zusammengetan. der spd-fraktionsvorsitzende frank-walter steinmeier, der im sommer 2010 seiner frau eine niere gespendet hatte, und der frakti- onschef von cdu/csu volker kauder kün- digten dann im juni 2011 einen fraktions- übergreifenden gesetzentwurf an. mit die- ser regelung sollte dafür sorge getragen werden, dass mehr deutsche nach ihrem tod organe spenden. (zur aktuellen geset- zeslage siehe seite 4.) sie ahnten nicht, dass das thema organ- spende nur wenig später vornehmlich ent- setzen und abneigung hervorrufen würde. denn am universitätsklinikum göttingen hatte zu dieser zeit längst begonnen, was sich nach und nach als der größte trans- plantationsskandal in der geschichte der bundesrepublik herausstellen würde. schon ein halbes jahr zuvor hatte ein ano- nymer anrufer auf dem anrufbeantworter der deutschen stiftung organtransplantati- on eine höchst beunruhigende nachricht hinterlassen: was man denn tun müsse, um in göttingen eine leber zu bekommen, fragte er. „oder kann man die organe direkt bei ihnen kaufen?“ der fall eines russischen patienten hatte am klinikum aufsehen er- regt. der offenkundig akut alkoholkranke mann bekam dort in windeseile eine spen- derleber, obwohl er als ausländer, der noch gesund genug war, die heimreise anzutre- ten, in deutschland gar keinen anspruch auf ein spenderorgan hatte. sein arzt hatte offenbar einen trick ange- wendet: er hatte dem patienten neben sei- ner leberzirrhose auf dem papier auch noch ein nierenleiden angedichtet, indem er an- gab, der mann sei dialysepflichtig. so schien der patient nicht mehr reise- fähig zu sein. vor allem aber rutschte er durch die vorge- täuschte dialyse auf der warteliste weit nach oben. eine transplantation er- schien plötzlich als furcht- bar dringend, wollte man den tod des mannes abwen- den. und tatsächlich wurde ihm sehr zeitnah eine spen- derleber zugeteilt. bald stellte sich heraus: fal- sche angaben hatten ärzte beileibe nicht nur für den russen gemacht. bei einer ganzen reihe von patienten war im universitätsklinikum göttingen eine dialyse nur vorgetäuscht worden; bei ande- ren ließen verfälschte blutwerte die patien- ten kränker erscheinen, als sie waren. auf diese weise erhielten in göttingen, so der stand der ermittlungen, knapp 60 patien- ten eine leber, die dafür noch gar nicht an der reihe waren. zahlreiche andere patienten mussten aber infolge der manipulationen sehr viel länger auf eine leber warten, als dies aufgrund des eklatanten organmangels in deutschland ohnehin schon nötig war – mit stetig nach- lassenden kräften und einer größer werden- der angst vor dem tod. gewiss haben man- che von ihnen nicht mehr rechtzeitig ein spenderorgan erhalten, denn patienten, die oben auf der warteliste für eine lebertrans- plantation stehen, sind gemeinhin ster- benskrank. staatsanwaltschaften ermitteln trotz dieser furchtbaren konsequenzen für die übergangenen patienten ist göttingen kei- neswegs das einzige deutsche universitäts- klinikum, an dem in sachen lebertrans- plantation nicht alles mit rechten dingen zuging. vier universitätskliniken sind mitt- lerweile in den skandal verstrickt – neben göttingen auch regensburg, münchen rechts der isar und leipzig. es geht insge- samt um rund 180 verdachtsfälle. in allen städten ermitteln die staatsanwaltschaften. alle beschuldigten ärzte bestreiten die vor- würfe. die schicksale der übergangenen kranken machen sprachlos. wer auch im- mer für die manipulationen verantwortlich ist: wie konnten ärzte das längere leid, gar den tod einzelner patienten in kauf neh- men? man ist geneigt, zuerst an geld zu denken: gewiss haben sich die verantwort- lichen mediziner von ihren patienten be- zahlen lassen, damit sie ihnen unter einsatz unlauterer methoden eine leber zuscha- chern, sind viele bürger überzeugt. doch vermutlich ist geld gar nicht das motiv ge- wesen. außer dem begüterten russen in göttingen handelte es sich bei den bevor- zugten patienten fast immer um ganz gewöhnliche ge- setzlich versicherte. doch in der transplantati- onsmedizin gibt es noch ei- ne andere währung, die ärzte erheblich stärker ver- führen kann als der schnö- de mammon. diese wäh- rung heißt renommee. die transplantationschirurgie ist ein prestigeträchtiges und hart umkämpftes feld. insgesamt werden in deutschland pro jahr gerade einmal 4.000 organe verpflanzt. 47 zentren konkurrieren um die wenigen patienten. wer viel transplantiert, hat unter chirurgen ein hohes ansehen – häufig allerdings auch beim kaufmännischen direktor seiner kli- nik. denn die transplantationsmedizin kann für ein krankenhaus vor allem dann lukrativ sein, wenn möglichst viele organe verpflanzt werden. nicht umsonst hatte das universitätsklinikum göttingen mit dem leiter seiner transplantationschirurgie eine bonuszahlung vereinbart: 1.500 euro be- kam der mann pro verpflanzter leber, wenn er sein jahressoll überschritt. noch dazu hängt die lizenz für transplantationen da- von ab, dass bestimmte mindestzahlen er- reicht werden. das ist an sich eine sinnvol- le lösung, denn es kann kaum gut für die patienten sein, wenn sie von einem arzt operiert werden, der eine so komplizierte operation wie eine herz- oder lebertrans- plantation nur zweimal im jahr vornimmt. doch die mindestmengen setzen die klini- ken unter druck. in münchen stand das programm kurz vor der schließung, als die manipulationen dort be- gannen. auch in göttingen und regensburg befanden sie sich auf extrem niedri- gem niveau und stiegen dann rasant. eine weitere erklärungs- möglichkeit sollte man aber nicht ausschließen: mitun- ter mag auch mitgefühl mit den patienten die triebfeder gewesen sein. im anblick des täglich zu sehenden leids mögen manche der verantwortlichen mediziner ausgeblendet haben, dass sie mit ihren manipulationen anderen, noch kränkeren patienten anders- wo schaden. manche ärzte fühlten sich da- bei womöglich im recht, weil sie die beste- henden richtlinien für die organvergabe ohnehin für falsch halten. dass sie meinten, vor diesem hintergrund selbst entscheiden zu dürfen, wessen leben als erstes zu retten sei, überrascht gerade im fach chirurgie nicht. schon die ganz gewöhnliche chirurgie gilt als königsdisziplin der medizin. während internisten und onkolo- gen ihren patienten oft hilflos gegenüberstehen, ist die chirurgie das fach der macher und des machbaren. „wenn du morgens aufstehst, habe ich schon drei leben ge- rettet“, ist so ein chirur- genspruch. noch mehr aber gilt dies in der trans- plantationschirurgie, wo auf atemberaubende wei- se zwei menschliche schicksale miteinander zu einem neuen ver- knüpft werden. mehr noch als andere ärzte er- fahren transplantations- chirurgen größte dank- barkeit von ihren patien- ten und deren familien. der grat zwischen erfül- lung im beruf und hybris ist hier zwangsläufig schmal, und so man- cher halbgott in weiß möchte auch einmal gott spielen. immerhin: seit die manipula- tionen bekannt geworden sind, hat das glänzende selbstbild der chirurgen ein paar kratzer bekommen. die klugen unter ihnen erkennen jetzt hof- fentlich, dass ihre disziplin mehr noch als andere medizinische fachrichtungen er- neuerung braucht. mancher chefarzt hält sich für den letzten absolutistischen herr- scher in europa. untergebene wagen oft nicht einmal aufzumucken, wenn sie um das leben des vom chef be- handelten patienten fürch- ten. ähnlich wie in der luft- fahrt müssten kliniken ihre nachwuchsärzte aber trai- nieren, vorgesetzten zu wi- dersprechen und fehler sanktionsfrei zu melden. es ist kaum anzunehmen, dass in den betroffenen kliniken jeweils nur einzelne ärzte von den manipulationen wussten. und doch hat jah- relang niemand die öffent- lichkeit oder die zuständigen stellen infor- miert – bis es die ärzte in göttingen mut- maßlich so stark übertrieben haben, dass ein klinikmitarbeiter beherzt zum telefon griff. mehr kontrolle und transparenz muss es aber auch nach außen geben. die bereit- schaft, organe zu spenden, lässt sich nur wiederbeleben, wenn die menschen allen vorgängen rund um die transplantations- medizin vertrauen. vertrauen aber kann nicht blind sein. das hat nun auch die po- litik erkannt. viel schneller, als ihr wohl lieb war, musste sie das thema organspende wieder anpacken. in kurzer zeit setzte bundesgesundheitsmi- nister daniel bahr (fdp) ein paar wesentli- che neuerungen in den kliniken durch, die zu mehr kontrolle über die chirurgen und zu mehr transparenz über den verbleib der organe führen sollen. härtere sanktions- möglichkeiten sollten den neuregelungen nun noch nachdruck verleihen, damit ärz- te lernen, was ihre patienten schon längst wissen: sie haben keinen anspruch auf die organe verstorbener. sie dürfen für deren selbstlose spende einfach nur dankbar sein. christina berndt ❚ die autorin ist wissenschaftsredakteurin der „süddeutschen zeitung“. auf leben und todorganspende die transplantationsmedizin hat ansehen verspielt. dafür gibt es viele gründe ©picture-alliance/dpa in deutschland werden jährlich rund 4.000 organe verpflanzt. um die wenigen patienten gibt es zwischen den 47 transplantationskliniken viel konkurrenz. maria höfl-riesch die erfolgreiche deut- sche skirennläuferin, die jüngst bei der wm in schladming zahlreiche medaillen holte, gilt in der branche als frau mit „steh- auf-qualitäten“. nach ihrem auf- stieg in die ski-elite, bremsten zwei kreuzbandrisse ihre sportliche karriere. die 28-jährige weiß, welch kostba- res gut gesundheit ist. daher möchte sie auch anderen menschen helfen.seit 2012 ist sie mitglied des vereins „sportler für or- ganspende“. über 70 olympiasieger, welt- und europameister, darunter franziska van almsick, boris becker oder franz beckenbau- er, wollen als mitglied des vereins mit gutem beispiel vorangehen:sie tragen einen organ- spendeausweis und möchten mit ihrem en- gagement kranken menschen, die auf ein spenderorgan warten, mut machen. as ❚ patienten aus deutschland waren am 1. januar 2013 bei eurotransplant für den er- halt eines spenderorgans registriert. die stif- tung ist für die zuteilung von spenderorga- nen in sieben europäischen ländern verant- wortlich. momentan warten in diesem ge- biet insgesamt 16.000 menschen darauf, ein organ gespendet zu bekommen. quelle: eurotransplant kopf der woche die mutmacherin zahl der woche 11.233 zitat der woche »wenn mehr mitmachen, müssen weniger sterben.« daniel bahr (fdp), bundesgesundheitsmi- nister, in einem interview der „passauer neu- en presse“ zum rückgang der spendebereit- schaft für organe. das parlament frankfurter societäts-druckerei gmbh 60268 frankfurt am main ©picture-alliance/dpa www.das-parlament.deberlin, montag 18. februar 2013 63. jahrgang | nr. 8 | preis 1 € | a 5544 wie konnten ärzte das längere leid, gar den tod von patienten in kauf nehmen? die schicksale der übergangenen kranken machen sprachlos. im wahlfieber berlusconi macht die parlamentswahlen in italien wieder spannend seite 11 im ölfieber die fracking-methode führt in den usa zu einem öl- und gasrausch seite 13 in dieser woche thema frank-walter steinmeier interview zur organspende in deutschland seite 2 hirntod die schwierige frage, wann das leben aufhört seite 5 spendebereitschaft spanien hat die höchste quote der welt seite 6 plädoyer das transplantationswesen braucht mehr transparenz und aufsicht seite 8 porträt auf der warteliste für ein neues leben seite 9 mit der beilage apuz syrien daniel gerlach · nils metzger wie unser bild vom krieg entsteht muriel asseburg ziviler protest, aufstand, bürgerkrieg und zukunftsaussichten huda zein identitäten und interessen der syrischen oppositionellenkinan jaeger · rolf tophoven markus bickel syrien, iran, hisbollah, hamas: bröckelt die achse? katharina lange syrien: ein historischer überblickchristoph schumann · andrea jud staatliche ordnung und politische identitäten in syrien salam said gesellschaftliche und sozioökonomische entwicklung syriens carsten wieland das politisch-ideologische system syriens und dessen zerfall aus politik und zeitgeschichte 63. jahrgang · 8/2013 · 18. februar 2013 sonderthem a: o rganspende an derg renze deslebensseite 1-9 an der universitätsklinik in göttingen begann der bislang größte transplantationsskandal der bundesrepublik. ©picture-alliance/dpa der parlamentarische meinungsaustausch zum thema organspende gehört zu den bleibenden eindrücken dieser legislaturperiode, die sich ihrem ende entgegenneigt. sachlich und emo- tional, das generelle ebenso wie den einzelfall betrachtend, persönlich betroffen und hypothe- tisch reflektierend,immer aber in dem bewusst- sein, einer gewissensfrage verpflichtet zu sein, hat der bundestag die reform des transplanta- tionsgesetzes diskutiert. damit verfestigte sich der politische wille, die bereitschaft zur organ- spende in der bevölkerung zu erhöhen. eineab- sicht, die die fraktionen seinerzeit mit breitem konsens formuliert haben. allein der umstand, dass dieses thema auf der politischen agenda stand, hat in der öffentlich- keit für gesprächsstoff gesorgt.wie hältst du es mit der transplantation? bist du zur spende be- reit? würdest du organe anderer menschen empfangen wollen? intensiv wie niemals zuvor wurden diese fragen in familien, mit freunden, unter kollegen diskutiert. plötzlich war gefor- dert, sich persönlich und konkret zum leben, zum tod und zum verlauf der grenze dazwi- schen zu verhalten. überlegungen, die viele menschen schon deshalb als unangenehm empfinden, weil damit die unausweichliche endlichkeit des eigenen seins ganz offensicht- lich in die gegenwart tritt.trotz dieses umstan- des und bei hochachtung vor den argumenten der transplantationsgegner war ein gesell- schaftlicher diskurs entflammt, der die spende- bereitschaft gewiss gesteigert hätte. seitdem ist fast ein jahr vergangen. und wie- der wird über organspenden diskutiert. aller- dings mit ganz anderem tenor. schuld daran sind die skandalösen vorfälle in einigen klini- ken: mediziner haben offenbar unterlagen mit dem ziel manipuliert, eigene patienten schnel- ler mit spenderorganen zu versorgen. unab- hängig von dem jeweils zu prüfenden motiv, haben diese ärzte nicht nur das eigene ethos, sondern auch die transplantationsmedizin mit füßen getreten. dabei ist ein imageschaden entstanden, der weit über das unrecht jedes einzelnen falls hinausgeht. der rasante medizinische fortschritt ermöglicht ein immer tieferes eingreifen in von der natur vorbestimmte prozesse. dazu gehört es auch, menschenleben mit fremden organen zu ret- ten. der eindruck, die medizinischen möglich- keiten gingen einher mit ärztlicher willkür, ist unerträglich und muss ausgeräumt werden. editorial eindruck der willkür von jörg biallas weiterführende links zu den themen dieser seite finden sie in unserem e-paper www.das-parlament.deberlin, montag 18. februar 201363. jahrgang | nr. 8 | preis 1 € | a 5544