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Ursula Groden-Kranich im Interview : "Mich fragen Wähler, ob ihre Stimme hier weniger wert ist"

CDU-Politikerin Ursula Groden-Kranich hat ihren Wahlkreis Mainz bei der Bundestagswahl gewonnen. Doch das neue Wahlrecht verhindert ihren Einzug ins Parlament.

25.02.2025
True 2025-02-26T14:49:15.3600Z
2 Min
Foto: privat

Ursula Groden-Kranich im Winter-Straßenwahlkampf in Mainz für ihre CDU.

Frau Groden-Kranich, Sie sind eines von 23 Opfern der Wahlrechtsreform, erhalten trotz Ihres ersten Platzes im Wahlkreis 204 in Mainz kein Bundestagsmandat. Wie fühlt es sich an, als Siegerin nicht gewonnen zu haben?

Ursula Groden-Kranich: Sehr ambivalent. Ich habe einen schwierigen Wahlkreis gewonnen, der immer hart umkämpft ist, mit knappen Ergebnissen. Hier vorne zu liegen, macht mich unendlich glücklich. Aber das aktuelle Wahlreicht bremst mich nun aus. Mich fragen Wähler, ob ihre Stimme hier weniger wert ist als die im Nachbarwahlkreis.

Was bedeutet es, ein Direktmandat zu gewinnen, anstatt über eine Landesliste ins Parlament einzuziehen?

Ursula Groden-Kranich: Aus meiner Sicht ist das ein sehr großer Unterschied. Das Direktmandat hat mir immer große Freiheit gegeben. Es macht ein Stück unabhängig, wenn man mehr Stimmen erhält als die eigene Partei. 


„Ich hatte gehofft, dass die CDU insgesamt ein Stück besser abschneidet, denn dann hätten wir mehr Direktmandate, die auch zum Zug kommen.“
Ursula Groden-Kranich

Wie sehr haben Sie darauf gesetzt, bei dieser Wahl wieder Abgeordnete zu werden?

Ursula Groden-Kranich: Ich hatte gehofft, dass die CDU insgesamt ein Stück besser abschneidet, denn dann hätten wir mehr Direktmandate, die auch zum Zug kommen. 

Angesichts Ihrer Erfahrungen mit dem Auf und Ab von errungenen und verlorenen Mandaten: Wie erstrebenswert ist es eigentlich, mit Politik den Lebensunterhalt verdienen zu müssen?

Ursula Groden-Kranich: Die entscheidende Frage lautet eher, wie sinnvoll ist es, in einem so umstrittenen Wahlkreis zu kandidieren, den man allenfalls knapp gewinnen kann, so dass man im Vergleich der Wahlkreissieger eines Bundeslandes einen eher geringen Stimmenanteil hat, und damit trotz eines ersten Platzes im eigenen Wahlkreis nicht zum Zug kommt. Das trifft in erster Linie städtische Wahlkreise. Dort werden harte Auseinandersetzungen geführt, was eigentlich im besten Sinn der Demokratie ist. Diese Herausforderung ist im ländlichen Bereich vielleicht nicht so groß. Folglich bleiben die urbanen Wahlkreise auf der Strecke. 

Foto: DBT/ Florian Gaertner/ photothek
Ursula Groden-Kranich
blickt bereits auf zwei Wahlperioden im Deutschen Bundestag zurück: 2013 und 2017 konnte sie ihren Wahlkreis in Mainz gewinnen. 2021 unterlag sie, rückte erst spät am 7. Februar 2025 über die CDU-Landesliste für den verstorbenen Abgeordneten Erwin Rüddel in den Bundestag nach. Nun, nach wenigen Wochen als Abgeordnete, verliert sie ihr Mandat abermals, obwohl sie ihren Wahlkreis gewonnen hat.
Foto: DBT/ Florian Gaertner/ photothek

Wie hätte eine Wahlrechtsreform ausgesehen, die einerseits für ein kleineres Parlament sorgt, aber andererseits jeden Wahlkreiskandidaten zum Zug kommen lässt?

Ursula Groden-Kranich: Ich bin dafür, die Wahlkreise zu vergrößern und ihre Zahl zu verringern. Dann gäbe es insgesamt weniger direkt gewählte Abgeordnete, aber jeder Wahlkreissieger bekäme auch ein Mandat. Außerdem hätte man die Zahl der Überhangmandate, für die andere Fraktionen einen Ausgleich erhalten, reduzieren können. Eine Variante wäre auch, dass es für ausscheidende Abgeordnete keine Nachrücker gibt. All das lässt sich diskutieren. Aber mit dem jetzigen Wahlrecht haben wir die schlechteste aller Varianten. 

333 Abgeordnete scheiden aus dem Bundestag aus, darunter einige ohne Berufsausbildung oder abgeschlossenes Studium. Genügt die Erfahrung als Politiker, um auch außerhalb des Parlaments beruflich zu bestehen, oder besteht die Gefahr, tief zu fallen?

Ursula Groden-Kranich: Wenn man Abgeordneter war, hat man Kenntnisse und Erfahrungen, die durchaus auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind. Trotzdem war es für mich unvorstellbar, ohne abgeschlossene Ausbildung für den Bundestag zu kandidieren.

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