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Foto: picture alliance/dpa
Sichtbar fröhlich zeigt sich CDU-Chef Friedrich Merz bei der Konstituierung der neuen CDU/CSU-Fraktion des 21. Deutschen Bundestages.

Die Wahl im Detail : Ein schwarz-blaues Meer

Bei der Bundestagswahl wird die Union mit Abstand stärkste Kraft - gefolgt von der AfD. Junge Wählerinnen und Wähler zieht es besonders zu den Rändern.

27.02.2025
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6 Min

Deutschland hat gewählt - und sich für einen Wechsel entschieden. Die Union mit ihrem Kanzlerkandidaten Friedrich Merz hat die Bundestagswahl mit 28,6 Prozent gewonnen. Der CDU-Chef hat nun beste Chancen, nächster Kanzler nach Olaf Scholz (SPD) zu werden. Die AfD erreicht 20,8 Prozent, die SPD erzielt mit 16,4 Prozent ihr schlechtestes Ergebnis bei einer Bundestagswahl. An vierter Stelle folgen die Grünen mit 11,6 Prozent, und auch die Linke ist mit 8,8 Prozent sicher im Bundestag vertreten. Raus ist die FDP mit 4,3 Prozent, das erstmals angetretene BSW verpasst den Sprung ins Parlament denkbar knapp mit 4,97 Prozent (alle Zahlen laut vorläufigem Endergebnis der Bundeswahlleiterin).

Die Union kommt damit auf 208 Sitze im neuen Parlament. Die SPD erringt 120 Mandate. Eine Regierungskoalition der beiden Fraktionen ist damit möglich. Für eine schwarz-grüne Koalition reichen die Ergebnisse nicht: Die Grünen bekommen lediglich 85 Abgeordnete. Die AfD vergrößert ihre Fraktion mit 152 Sitzen deutlich, eine Koalition mit ihr - rechnerisch möglich - haben die Unionsparteien ausgeschlossen. Die Linke stellt 64 Abgeordnete. Ein Mandat erringt erneut der Südschleswigsche Wählerverband, der als Partei der dänischen und friesischen Minderheit von der Fünf-Prozent-Hürde befreit ist.

Die politischen Ränder, AfD und Die Linke, kommen zusammen auf etwas mehr als ein Drittel der Sitze. Eine Grundgesetzänderung, wie zum Beispiel eine Reform der Schuldenbremse, verlangt eine Zwei-Drittel-Mehrheit - wäre also gegen beide Fraktionen im neuen Bundestag nicht möglich.

Kontroversen um die Folgen des neuen Wahlrechts

Bereits vor der Wahl am vergangenen Sonntag stand fest, dass dem 21. Bundestag 630 Abgeordnete angehören werden. Das ist die Folge einer 2023 verabschiedeten Wahlrechtsreform zur Begrenzung der Größe des Parlaments.

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Eine weitere Konsequenz dieser Reform ist nun mit der Wahl sichtbar geworden. In 23 Wahlkreisen kommen die erstplatzierten Direktkandidatinnen und -kandidaten nicht mit einem Mandat zum Zuge. Im Gegensatz zu vorherigen Wahlen gewinnt eine Bewerberin oder ein Bewerber einer Partei ein Wahlkreismandat nur, wenn sie oder er in dem Wahlkreis die meisten Erststimmen erhalten hat und dieser Sitz außerdem durch das Zweitstimmenergebnis ihrer oder seiner Partei gedeckt ist. Dort, wo das nicht der Fall war, gingen nun selbst Bewerber mit leeren Händen aus, die wie in den Wahlkreisen Lörrach-Müllheim 33,2 Prozent oder Rhein-Neckar gar 34,4 Prozent der Erststimmen erhalten hatten. Eine zweite kontrovers diskutierte Folge der Reform sind "verwaiste" Wahlkreise. Gleich vier der beschriebenen 23 Wahlkreise ohne Erststimmen-Abgeordnete sind auch nicht durch Parlamentarier vertreten, die als Listenkandidaten über die Zweitstimme in den Bundestag einziehen: Darmstadt, Lörrach-Müllheim, Stuttgart II und Tübingen.

Knappe Rennen um Direktmandate in Köln, Berlin und Stuttgart

Äußerst knappe Rennen unter Direktkandidatinnen und -kandidaten gab es unter anderem in Köln III, hier lag die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Katharina Dröge, mit knapp 0,2 Prozentpunkten Abstand vor dem bisherigen SPD-Fraktionsvorsitzenden Rolf Mützenich. Der Abstand in Stimmen: 390. In Berlin Marzahn-Hellersdorf lag AfD-Kandidat Gottfried Curio um 0,3 Prozentpunkte vor dem bisherigen Direktmandat-Abgeordneten Mario Czaja von der CDU, hier betrug die Differenz nur 481 Stimmen. Neu ausgezählt wurde nach Unstimmigkeiten in der Dokumentation in drei Wahlbezirken im Wahlkreis Berlin Tempelhof-Schöneberg- mit dem Ergebnis, dass der äußerst knappe Vorsprung von Moritz Heuberger (Grüne) mit 61 Stimmern vor CDU-Kandidaten Jan-Marco Luczak (CDU) Bestand hat.

Dass buchstäblich jede Stimme zählt, zeigt auch der Wahlkreis Stuttgart I: Hier lagen bei jeweils 28,3 Prozent nur 16 Stimmen Unterschied zwischen der Wahlkreisgewinnerin Simone Fischer (Grüne) und der in Bundeswahlleiterinnen-Sprache "Erstunterlegenen" Elisabeth Schick-Ebert (CDU).

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Die meisten Stimmen als Direktkandidatin kann die CSU-Politikerin Dorothee Bär für sich verbuchen, die im Wahlkreis Bad Kissingen 50,5 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen konnte. Für die Schwesterpartei gelang Anne König (CDU) in Borken II der Einzug in den Bundestag mit 47,9 Prozent. Für die Sozialdemokraten erzielte deren Partei- und nun zum Fraktionsvorsitzenden gewählte Lars Klingbeil in Rotenburg I - Heidekreis mit 42,1 Prozent der Erststimmen den Spitzenwert. Die meisten Erststimmen für die AfD sammelte Steffen Janich mit 49,1 Prozent im Wahlkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge ein, die meisten für die Grünen Sven Lehmann in Köln II mit 34,1 Prozent. Gregor Gysi holte im Berliner Wahlbezirk Treptow Köpenick 41,8 Prozent der Erststimmen und zieht als dienstältester Abgeordneter und damit als die konstituierende Sitzung eröffnender Alterspräsident in den Bundestag ein.

Schwarzes Meer im Westen, blaues Meer im Osten

Der Blick auf die Deutschlandkarte zeigt ein schwarzes Meer im Westteil des Landes und ein blaues Meer im Osten: In den alten Bundesländern konnte die Union einen übergroßen Anteil an Direktmandaten in den Wahlkreisen gewinnen. Im Osten gelang dies der AfD in allen Wahlkreisen (Berlin nicht eingerechnet) bis auf Erfurt - Weimar - Weimarer Land II, wo der Thüringer Ex-Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) sich durchsetzte und in Leipzig II, wo Sören Pellmann (ebenfalls Die Linke) sein Direktmandat verteidigt hat. In ihren Hochburgen Niedersachsen und Ruhrgebiet konnten sich die Sozialdemokraten in Wahlkreisen behaupten - aber nur zum Teil und bei Verlusten gegenüber 2021.

Erstmals hat die AfD mit Gelsenkirchen und Kaiserslautern im Westen der Republik bei den Zweitstimmen mit rund einem Viertel der Stimmen die Nase vorn. In beiden Wahlkreisen entschieden sich die Wähler bei den Direktkandidaten allerdings erneut für Sozialdemokraten.

AfD überzeugt 1,8 Millionen bisherige Nichtwähler

Die größte Wählerwanderung kann die AfD für sich beanspruchen, die rund 1,8 Millionen vormalige Nichtwähler davon überzeugen konnte, dieses Mal bei ihr ein Kreuz zu machen.

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Der Union gelang dies bei 900.000 bisherigen Nichtwählern, sie erhielt außerdem von rund 1,7 Millionen früheren SPD-Wählern und etwa 1,3 Millionen vormaligen FDP-Wählern Zuspruch. Umgekehrt verließen rund eine Million frühere Wähler die Union in Richtung AfD. Die Linke, noch vor Wochen in Umfragen nach dem Bruch mit Sahra Wagenknecht und deren BSW-Parteineugründung geschwächt unter der Fünf-Prozent-Hürde, konnte auf den letzten Wahlkampfmetern Boden gut machen und 700.000 frühere Grünen- und 560.000 frühere SPD-Wähler davon überzeugen, das Kreuz bei ihr zu machen.

Linke und AfD sind bei jungen Wählerinnen und Wählern besonders beliebt

Deutliche Verschiebungen gab es auch im Wahlverhalten junger Wähler: Während deren Herzen bei der Bundestagswahl 2021 noch Grünen und FDP zuflogen, sind die 18- bis 24-Jährigen Wähler laut Infratest dimap dieses Mal vor allem an die politischen Ränder abgewandert: 25 Prozent gaben demnach der Linken ihre Stimme (plus 17 Prozentpunkte gegenüber 2021) und 21 Prozent der AfD (plus 14 Prozentpunkte). Bei den Wählern über 60 konnten erwartungsgemäß die Union (mit 37 Prozent) und Sozialdemokraten (mit 23 Prozent) punkten. Generell gilt nach der Infratest dimap-Erhebung: Jüngere Frauen in der Stadt tendieren überproportional zu Linken (35 Prozent) und Grünen (20 Prozent), ältere Männer auf dem Land zur Union (41 Prozent) sowie zur SPD und zur AfD (beide mit 19 Prozent).

Zuwanderung und Wirtschaftslage waren die wahlentscheidenden Themen

Zu den wahlentscheidenden Themen gehörten nach einer Erhebung der Forschungsgruppe Wahlen Zuwanderung, Asyl und Integration, die 44 Prozent der befragten für die wichtigsten Aufgaben für die kommende Bundesregierung hielten, gefolgt von der Lage der Wirtschaft (36 Prozent der Befragten). Dieser Punkt spiegelt sich unter anderem auch im Wahlverhalten von Arbeitern und Arbeitslosen: Bei beiden Gruppen führt die AfD (mit 38 bzw. 36 Prozent) vor der Union (22 bzw. 16 Prozent). Abgeschlagen auf Platz 3 mit zwölf Prozent bei den Arbeitern und gleichauf bei 13 Prozent mit der Linken bei den Arbeitslosen landet die SPD.

Höher als bei den Wahlen 2021 und 2017 fällt in diesem Jahr übrigens der Balken für die "sonstigen" Parteien aus (9,4 Prozent): Das liegt daran, dass mit der FDP eine Partei knapp und mit dem BSW eine Partei äußerst knapp an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert sind. 2013 lag dieser Wert allerdings noch höher bei 10,9 Prozent, damals scheiterten ebenfalls die FDP und die damalige Neugründung AfD an der Hürde.

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